F. A. Q. :

Herausgeber und Anthologien

Meine Tätigkeit als Herausgeber ruft von vielen Seiten Fragen hervor.  Von Autorenkollegen oftmals, was ich eigentlich so alles in dieser Funktion mache. Autoren, die prinzipiell gerne in meinen Anthologien vertreten wären, fragen nach dem Bearbeitungsablauf, Kosten, Vertragsgestaltung, Honorar, Rechteeinräumung etc. (angesichts der vielen schwarzen Schafe und s. g. „Druckkostenzuschussverlagen“ nur allzu verständlich).

Aus meinem Bekanntenkreis kommt dagegen eine andere Frage: Jeder scheint meine Liebe zum Schreiben nachvollziehen zu können, jedoch nicht, warum ich Teile meiner ohnehin spärlichen Freizeit dafür opfere, die Texte von anderen zu bearbeiten.

Aber okay, wozu bin ich schließlich Autor? In einer losen Serie an Beiträgen versuche ich, detailliert auf all diese verschiedenen Fragen eine Antwort zu geben.

Teil 1: Anthologien und Kurzgeschichten – Warum, wieso und überhaupt?

Was ist eine Anthologie überhaupt?

Als Herausgeber bearbeite ich keine Romane, sondern stelle Anthologien zusammen. Das Wort „Anthologie“ hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeutet soviel wie „Sammlung der Blüten“ oder „Blütenlese“. Im literarischen Bereich bedeutet dies, ausgewählte Texte zu einem bestimmten Thema in einer Sammlung zu bündeln. Beispiele wären Gedichtbände, Märchenbücher, eine Sammlung von Kurzgeschichten, aber auch Fachliteratur.  Eine Anthologie kann Texte von einem oder verschiedenen Autoren enthalten.

Der Plural „Texte“ macht es schon deutlich: In Anthologien sind keine langen Geschichten versammelt, sondern kürzere Texte. Die literarischen Formen der Prosa sind daher zumeist auf Kurzgeschichten und Erzählungen beschränkt.

Im Falle meiner Anthologien bereite ich eine Ausschreibung vor, indem ich eingrenze, was ich für den jeweiligen Sammelband an Texten haben möchte: Die literarische Form (wie erwähnt: Kurzgeschichten und Erzählungen), die Zielgruppe des Buches (Kinder, Jugendliche, Erwachsene), das Genre (SciFi, Fantasy, Horror), evtl. das Setting (Reale Welt, magische Welt, einen bestimmten Geschichtsabschnitt usw.) und die Thematik (bspw. ‚virtual reality‘ bei der SF-Ausschreibung „Virtuelle Welten“).

Anthologie-Ausschreibungen werden von vielen Verlagen und Institutionen angeboten. Einen guten Überblick geben u. a. die folgenden Seiten: WortmagierAutorenwelt und Leselupe. In diese Verzeichnisse trage ich auch meine Ausschreibungen ein.

Warum sollte man als Autor für eine Anthologie einreichen?

Mein geschätzter Kollege Sven Haupt gibt auf seinem lesenswerten Blog gleich mal das beste Argument GEGEN Anthologien und Kurzgeschichten:

Natürlich wollen wir alle gute Autoren werden und unsere Geschichten auch irgendwann bei einem richtigen, echten Verlag publiziert sehen. Einem Verlag mit echten Lektoren und einem Budget und Zugang zu Buchhandlungen und was halt alles dazugehört. Diese Verlage gibt es auch und keiner von ihnen will Kurzgeschichten publizieren. Einfach weil kein Mensch Kurzgeschichten liest. Das ist kein großes Geheimnis, jeder weiß es und jeder kann es sehen. Versucht mal in einer großen Buchhandlung eine Kurzgeschichten-Anthologie zu finden. Selbst die Kurzgeschichten von etablierten Autoren verkaufen sich nicht. Der Markt will Romane, nur Romane und nichts außer Romane. Der Roman ist die kleinste Währung innerhalb der Buchbranche.“

Es stimmt, Anthologien und Kurzgeschichten im Allgemeinen bedienen ein sehr kleines Publikum. Und dieses sehr kleine Publikum, dass selten in Buchhandlungen, wohl aber im Internet fündig wird, hat monatlich (!) die Auswahl zwischen hunderten Anthologien, eBook-Sammlungen, Literaturzeitschriften, Onlinemagazinen, privaten Webseiten, Foren etc. Eine Anthologie – und auch das ist ein kein Geheimnis – verkauft sich daher größtenteils im Bekanntenkreis der beteiligten Autoren: Familie, Freunde, Arbeitskollegen etc. Natürlich sind alle Beteiligten bestrebt, die Leserschaft zu erweitern: Durch Vorstellung auf Blogs, Lesungen, Weiterempfehlungen etc. Dennoch: Der Bereich verkaufter Exemplare von Anthologien, die explizit keine Texte etablierter Autoren enthalten, wird zu 99% den niedrigen, dreistelligen Bereich nicht verlassen.

Na toll, denkt sich jetzt vielleicht der ein oder andere. Warum sollte sich ein Autor überhaupt die Mühe machen, sich an Kurzgeschichten zu versuchen, die selbst bei Aufnahme und der Veröffentlichung der Sammlung eh kaum ein Schwein lesen wird?

Auch hierzu zitiere ich meinen Kollegen Sven, denn treffender kann man es gar nicht formulieren: „Auf der anderen Seite kann aber niemand schreiben lernen, wenn er direkt mit einem Roman anfängt. Ich habe zwei fertige in der Schublade, die mir das tragisch verdeutlichen. Beide sind unlesbar, weil ich jeden Fehler gemacht habe, den man beim Schreiben von Romanen machen kann. Trotzdem gibt es Hoffnung quasi in Form eines Trostpreises. Wer sich die Mühe macht und der Kurzgeschichte zuwendet, lernt unglaublich viel was er später beim Schreiben seines Romans dringend brauchen wird. Wer die Struktur einer Kurzgeschichte versteht, der versteht auch wie ein Roman funktioniert. Erst dann hat er das Werkzeug, ohne das es nicht geht, in Händen.

Der Autor lernt bei der Erarbeitung einer Kurzgeschichte unglaublich viel. Das Schreiben kurzer Geschichten ist also keinesfalls vergebens, auch wenn sie nur ein kleines Publikum finden. Sofern der Fall eintritt, dass der Herausgeber einer Anthologie, die Kurzgeschichte für seine Sammlung auswählt, gibt es zudem einen weiteren Vorteil. Nun wird mit dem Text gearbeitet (Anmerkung: Im Regelfall. Es gibt auch Verlage und Herausgeber, die sich diese Arbeit sparen, und das Rohmanuskript 1:1 abzudrucken. Das ist nicht strafbar, legt jedoch die Vermutung nahe, dass es dem jeweiligen Verlag eher um den schnellen Euro, als um eine qualitativ hochwertige Sammlung geht).

Gerade Nachwuchsautoren erhalten durch den Bearbeitungsprozess ihrer Kurzgeschichte somit einen Einblick, wie die Arbeit an einem Rohmanuskript bis zur Druckfassung in einem Verlag abläuft. Eine entsprechende Veröffentlichungs-Vita ist zudem bei der Verlagssuche recht hilfreich: Nicht jeder Verlag – schon gar nicht die großen Publikumsverlage – macht sich die Mühe, mit Anfängern zu arbeiten. Durch die Teil- und Aufnahme in eine Anthologie wird den Damen und Herren jedoch mitgeteilt, dass bereits eine gewisse Erfahrung in der Manuskriptbearbeitung vorhanden ist.

Warum mache ich also Anthologien?

Das ‚Lernen‘ ist keine Einbahnstraße. Durch die Analyse und die Bearbeitung einer jeden Geschichte profitiert nicht nur der Verfasser, sondern auch ich erweitere mein Wissen in der Kunst des Schreibens. Die Arbeit an den Texten der beteiligten Autoren schärft nicht nur meinen Blick für Details, sondern gibt mir durch ihre Lösung ‚überarbeitungswürdiger Passagen‘ auch so manchen hilfreichen Kniff mit auf den Weg.

Und zum Schluss – wenn all die Arbeit getan ist – gibt es natürlich die Belohnung: Ein richtig gutes Buch, das – theoretisch – jedem Leser auf der ganzen Welt zur Verfügung steht :).

 

In den folgenden Beiträgen erfahrt ihr etwas darüber, wie man Herausgeber wird, über den Herausgeber-Alltag im Allgemeinen, den langen Weg der Manuskriptbearbeitung und allerhand Wissenswertes rund um das Thema Rechte. Also schaut ruhig wieder vorbei 🙂  

Den zitierten Beitrag von Sven Haupt findet ihr im Gesamten unter: https://romanhelden.wordpress.com/2018/04/12/kurzgeschichte-vs-roman/

 

F.A.Q.: Herausgeber und Anthologien (1): Warum, wieso und überhaupt?

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