F. A. Q.

Herausgeber und Anthologien

In diesem Teil meiner Beitrags-Reihe versuche ich euch einen Einblick zu geben, wie man eigentlich an die Herausgebertätigkeit kommt und welche Aufgaben sie vom Beginn des Projekts bis zum fertigen Sammelband umfasst. Da das von Verlag zu Verlag unterschiedlich gehandhabt wird, gehe ich hauptsächlich auf meinen eigenen Herausgeber-Alltag ein.

Teil 2: Wie man Herausgeber wird und was man in dieser Funktion so alles macht

Wie wird man eigentlich Herausgeber?

Flapsige Antwort: Man ist bekloppt genug, es zu machen … und findet jemanden, der bekloppt genug ist, es einen machen zu lassen.

Spaß beiseite: In größeren Verlagen ist ein Herausgeber meist ein erfahrener Lektor, der im Idealfall auf einige Jahre Berufserfahrung in der Manuskriptbearbeitung zurückschauen kann, und sich zuvor mit einem Literatur- oder Germanistikstudium für diese Tätigkeit qualifiziert hat. Er kann aber auch einen journalistischen Background haben oder Quereinsteiger sein. Im Bereich der Kleinverlage und Selfpublisher sieht das ein wenig anders aus und entspricht durchaus meiner flapsigen Eingangs-Bemerkung: Praktisch jeder, der die Herausgeber-Tätigkeit ausführt, ist es eben auch. So wie jeder, der Texte schreibt, sich ohne Scham Autor nennen darf. Erfahrung und Qualifikation sind also durchaus Indikatoren für gute Arbeit, allerdings noch lange keine Garantie für die Güte, mit der die Tätigkeit ausgeführt wird.

Mein Background besteht im Wesentlichen aus einer lebenslangen Begeisterung für Literatur und den Erfahrungen, die ich in meiner bisher betreuten Anthologie-Projekten gesammelt habe. Die ersten Projekte habe ich für die Online-Literatur-Akademie Sarturia betreut. Auch wenn ich mich aus diversen Gründen dafür entschieden habe, Sarturia zu verlassen, kann ich nicht leugnen, dass die Zeit dort lehrreich war. Fakt ist: Laien, wie ich es war (und tlw. noch immer bin), erhalten nur selten die Chance, ein Anthologie-Projekt betreuen zu dürfen. Daher empfehle ich bei Interesse ganz neutral, sich mit einem Besuch auf der Sarturia-Webseite zu informieren und ein eigenes Urteil zu bilden.

Um Herausgeber zu werden,  gibt es also mehrere Wege:

  • Literatur/Germanistikstudium mit anschließender Bewerbung in einem Verlag
  • Einen Verlag davon überzeugen, eine Anthologie bearbeiten zu dürfen
  • Es einfach als Selfpublishing-Projekt durchziehen (wobei ich diesbezüglich in einem Folgebeitrag auf die rechtliche Situation genauer eingehe)

Was ist denn ein Herausgeber und was macht er? 

Laut Wikipedia ist ein Herausgeber eine Person oder eine Personengruppe, die schriftstellerische, publizistische oder wissenschaftliche Texte oder Werke von Autoren und Künstlern zur Publikation vorbereitet.

Da die Herausgeber-Tätigkeit von verschiedenen Faktoren abhängt (Publikums- oder Kleinverlag, Mitarbeiter im Verlag oder Selbstständig, Vertragliche Vereinbarungen etc.), schildere ich im Folgenden ausschließlich, welche Tätigkeiten ich für meine Anthologien verrichte.

1. Vorbereitung

Die mitunter schönste Tätigkeit: Ich überlege, welches Thema meine nächste Anthologie haben soll. Im Anschluss erarbeite ich in einem Konzept, welche Art von Geschichten ich in der Sammlung haben möchte, und formuliere einen entsprechenden Ausschreibungstext.

Normalerweise wird ein Buchumschlag bzw. ein Frontcover  erst in Auftrag gegeben, wenn bereits Texte vorliegen. Im Falle meiner Anthologien, ‚inspiriere‘ ich potentielle Autoren jedoch gerne mit einem aussagekräftigen Bild. Da meine eigenen Talente im grafischen Bereich eher ‚unter ferner liefen‘ rangieren, gebe ich ein Cover bei Profis in Auftrag. Für meine bisherigen und aktuellen Projekte waren dies

Die Arbeiten dieser beiden Künstler sprechen für sich. Auch die Zusammenarbeit war stets angenehm und professionell, daher gebe ich allen interessierten Autoren, die noch auf der Suche nach einer passenden Verpackung für ihr Werk sind, eine wärmste Empfehlung.

Nun gilt es, für die geplante Anthologie einen Verlag begeistern zu können. Meine aktuellen Projekte „Bibbernacht“ und „Virtuelle Welten“ entstehen als Co-Projekte mit dem Mystic Verlag. „Co-Projekt“ bedeutet grob gesagt: Ich stelle am Ende der Arbeiten dem Verlag eine publizierfähige Buchdatei inkl. Buchumschlag/Cover zur Verfügung – und der Verlag kümmert sich um Druck, Veröffentlichung und Vertrieb. Ihr versteht sicher, dass ich aus Diskretionsgründen nicht auf Details dieser Partnerschaft eingehe.

Sobald der Verlag grünes Licht für das Projekt gegeben hat, beginnt die eigentliche Arbeit. Der Ausschreibungstext wird überarbeitet, ein Einreichungs-Zeitraum festgesetzt und um die Teilnahme- und Veröffentlichungsbedingungen ergänzt (hierzu wird ein Folge-Beitrag genauer eingehen). Mit der Platzierung der Ausschreibungstexte auf der Webseite ist es nicht getan. Im Anschluss gilt es, das Ganze zu bewerben, um möglichst viele Autoren auf das Projekt aufmerksam zu machen: Von der Eintragung der Ausschreibung auf diversen Webseiten, über Anschreiben von Autoren bis hin zur Verbreitung über Social Media über den gesamten Einreichungs-Zeitraum. Dazwischen werden eingehende Geschichten bestätigt.

Ferner stelle ich ein Team zusammen, welches mich bei den Arbeiten unterstützt. Einerseits, weil die Bearbeitung durch die Verteilung auf mehreren Schultern einfach schneller vonstatten geht, hauptsächlich jedoch, weil ein cleverer Herausgeber genau weiß, wo seine eigenen Schwächen liegen. Da das Buch so gut wie möglich werden soll, versuche ich, Leute für die Mitarbeit zu begeistern, welche diese Schwächen kompensieren.

2. Auswahl

Irgendwann ist der Zeitraum der Einreichung vorbei. Wer bereits an Ausschreibungen teilgenommen hat, weiß, was nun folgt: Der Herausgeber nimmt sich einen gewissen Zeitraum, um alle eingegangenen Manuskripte zu begutachten und eine Auswahl für den Sammelband zu treffen. Diese gibt er schließlich in einer Rundmail bekannt, wobei er sich bestätigen lässt, ob eine Verwendung weiterhin gewünscht ist. So weit, so bekannt. Interessiert, welche Kriterien ich bei dem Auswahlprozess anwende? Bitte sehr.

Der geplante Umfang einer jeden Anthologie liegt zwischen 150 und etwa 300 Seiten. Weniger als 150 Seiten ist – trotz anderweitiger Definition – in den Augen des Herausgebers kein ‚echtes‘ Buch. Der Käufer soll für sein Geld einen entsprechenden Gegenwert erhalten. Die Obergrenze liegt daran, dass das Buch für einen marktüblichen Taschenbuchpreis erwerbar sein soll, und es bei Kleinauflagen ab 300 Seiten immer unrentabler wird bzw. die Preisgestaltung bei höherer Seitenzahl nicht eingehalten werden kann.

Da in der Regel die Seitenanzahl aller Einreichungen deutlich über den ‚etwa 300 Seiten‘ liegt, sortiere ich Geschichten nach folgenden Kriterien aus:

  • Handwerklich nicht zufriedenstellend: Die handwerkliche Güte umfasst den Aufbau und Verlauf der Geschichte, die innere Logik, den roten Faden sowie die sprachliche Gestaltung. Während es in jedem Manuskript Überarbeitungsbedarf gibt – nobodys perfect – ist eine gewisse „Grund-Güte“ ausschlaggebend, damit die Geschichte nicht im Vorfeld aussortiert wird. Um es ganz klar zu sagen: Sofern der jeweilige Autor mitzieht, können mein Team und ich im Zuge des Lektorats einen Text aufwerten, scheuen bei einer Geschichte mit Potential auch keinen Mehraufwand, aber wir können und wollen niemand das grundsätzliche Schreiben beibringen.
  • Thema verfehlt: Im Ausschreibungstext wird deutlich auf Setting, Genre und Thematik der Anthologie hingewiesen. Eine Geschichte kann noch so gut sein – wenn sie nicht ‚passt‘, muss sie leider aussortiert werden. Wenn etwa explizit auf das Mittelalter hingewiesen wird, möchte der Herausgeber nichts von Mittelerde oder anderen Fantasywelten lesen.
  • Nicht für die Zielgruppe geeignet: Ein Kriterium, dass bisweilen in meinen Kinder- und Jugendliteratur-Ausschreibungen Anwendung findet. In diesen Fällen ist die jeweilige Geschichte aufgrund ihrer Thematik, ihres Inhalts oder ihrer sprachlichen Gestaltung nicht für die Altersgruppe des Buches geeignet und würde eine massive Überarbeitung erfordern.

Eine Anmerkung an dieser Stelle: In der Regel gibt ein Herausgeber für seine Auswahl keine Begründung ab. Die alte Regel des Einzelhandels, nachdem ein zufriedener Kunde ‚vielleicht‘ die Dienste weiterempfiehlt, ein unzufriedener Kunde jedoch ‚ganz sicher‘ seinem Ärger gegenüber anderen Gehör verschafft, trifft auch hier zu. Kaum ein Herausgeber wird euch mitteilen, dass eure Geschichte wegen mangelnder, handwerklicher Güte aussortiert wurde, wenn nicht bereits ein gewisses Vertrauensverhältnis zu dem Autor besteht.

Ist die Grob-Auswahl abgeschlossen, und noch immer überzählig Geschichten vorhanden, die den Qualitätsvorgaben entsprechen, geht es an die Fein-Auslese. Und die besteht in der Regel aus einem Kriterium, das letztendlich unfair ist:

  • Persönlicher Geschmack des Herausgebers: So gerne ich jede ‚gute‘ Geschichte in der Anthologie unterbringen möchte, so muss ich doch eine Auswahl treffen, um das Seiten-Limit einzuhalten. Gibt es objektiv nichts zu beanstanden, vertraue ich schlicht meinem eigenen Geschmack.

Natürlich gibt es auch den (seltenen) Umstand, dass nicht genug Einsendungen eingegangen sind, welche die ‚Grob-Auswahl‘ überlebt haben. Tritt dieser Fall ein, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten:

  • Die Einreichungs-Deadline wird verlängert
  • Das Anthologie-Projekt wird aufgegeben

3. Das Lektorat

Ist die Auswahl der Geschichten getroffen und von allen ausgesuchten Autoren die Bestätigung eingegangen, ihr Werk weiterhin für eine Veröffentlichung in der Anthologie zur Verfügung zu stellen, beginnt die Arbeit am Rohmanuskript. Um einem verbreiteten Irrglauben eine klare Abfuhr zu erteilen: Nur weil eine Geschichte ausgesucht wurde, ist sie nicht automatisch in ihrer Einreichungsform publizierfähig. In jedem (!) Manuskript gibt es größeren oder kleineren Überarbeitungsbedarf – und seien es nur vergessene Kommas oder Rechtschreibfehler.

Das Lektorat in meinen Anthologien erfolgt in zwei Abschnitten, wobei in jedem davon mehrere Versionen entstehen können.

  • Das Grundlektorat: Das Grundlektorat – anderweitig auch Dramaturgieprüfung, Vorlektorat oder Coaching genannt – setzt den Schwerpunkt auf die Geschichte selbst. Aufbau und Struktur sowie die innere Handlungslogik werden gründlich analysiert. Häufig wiederkehrende Fehler in Kurzgeschichten sind bspw. langatmige Stellen oder das Weglassen einer überraschenden Wendung. Der Lektor hält auch nach verstecktem Potential Ausschau. Seine Beobachtungen, Analysen und ggf. Alternativvorschläge hält er in einem separaten Dokument fest, ehe das Ganze an den Autor zur Bearbeitung geht.
  • Das Lektorat: Wenn die inhaltliche Seite so weit passt, geht das eigentliche Lektorat so richtig in die Tiefe. Größtenteils fokussiert es sich auf die sprachliche Gestaltung. Ein besonderes Augenmerk gilt der Satzstellung, häufig verwendeten Wörtern und der verwendeten Wortwahl. Im Bereich meiner Kinder- und Jugend-Anthologien wird zudem geprüft, ob die Wortwahl und die Satzgestaltung der jeweiligen Zielgruppe entspricht (Überspitztes Beispiel: Erwachsene können mit J. R. R. Tolkiens ‚Halben Seiten‘-Sätzen vielleicht etwas anfangen, aber in einem Kinderbuch sind sie nicht tragbar). Darüberhinaus wird der allgemeine Lesefluss begutachtet.

Ein Lektorat wird von Autor zu Autor unterschiedlich aufgenommen. Manche können gar nicht genug Anmerkungen bekommen, während andere angesichts einer Kommentarflut in Tränen ausbrechen. Das Lektorat ist ein sensibler Arbeitsschritt und erfordert von dem Herausgeber ein gewisses Fingerspitzengefühl. Mir ist es wichtig, dem Autor zu jedem Zeitpunkt höflich gegenüber zu treten und im Klärungsfall eine zufriedenstellende Lösung zu finden. Grundsätzlich zeigt mir das Lektorat aber auch die Bereitschaft des Verfassers, sich auf eine Analyse zu seinem Werk einzulassen, und sich vorurteilsfrei  mit den Anmerkungen auseinanderzusetzen.

Eines ist ganz klar: Es gilt die künstlerische Freiheit. Der Autor – und nur er oder sie allein – entscheidet, wie und welche Anmerkungen für eine Überarbeitung Berücksichtigung finden. Und nur der Autor ist berechtigt, irgendwelche Änderungen im Text vorzunehmen. Allerdings muss dem Autor auch klar sein, dass ein Lektor oftmals aus nachvollziehbaren Grund anmerkt. Meine Vorgehensweise ist diesbezüglich eine ganz klare Kante: Es ist meine Anthologie – daher treffe ich nach der finalen Überarbeitung des Autors die Entscheidung, ob ich seinen Text in dieser Form für publizierfähig befinde oder von einer Veröffentlichung Abstand nehme. Und das ist auch der Grund, warum ich den Vertragsabschluss erst mit der Bestätigung der druckfertigen Fassung vornehme.

4. Die Korrektur

Die Korrektur ist der einzige Arbeitsschritt, in den der Autor nicht direkt mit einbezogen wird. Der Gund hierfür ist simpel: Auch wenn ich im Lektorats-Abschnitt explizit darauf hingewiesen habe, dass nur ein Autor berechtigt für Änderungen an seinem Manuskript ist, wird bei der Korrektur dann doch davon abgewichen. Es wäre auch unsinnig und zeitraubend, dem Autor nach jedem der drei veranschlagten Korrekturdurchgänge sein Werk zu schicken, um vergessene Anführungszeichen, falsch gesetzte Kommas oder Rechtschreibfehler auszubessern. Ist die Korrektur abgeschlossen geht das Ganze an den Autor, der explizit sein Einverständnis zu dieser Version geben muss – denn diese Fassung seines Textes kommt schließlich zur Veröffentlichung.

In den folgenden Teilen meiner Beitragsserie wird auf den Anthologie-Vertrag, Veröffentlichungsbedingungen und Rechte im Allgemeinen eingegangen. Und auf die ’schöne‘ Tätigkeit, aus einer Sammlung von Texten einen publizierfähigen Buchsatz zu erstellen. 

F.A.Q. Herausgeber und Anthologien (2): Wie man Herausgeber wird und was man in dieser Funktion so alles macht

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