F. A. Q.

Herausgeber und Anthologien

In diesem Teil meiner Beitragsreihe widme ich mich einem heiklen Thema: Der Vergütung der Autoren. Ihr erfahrt, welchen Gegenwert ihr für eine Veröffentlichung in von mir betreuten Anthologien erhaltet, sowie Infos über die gesetzlichen Grundlagen und eine Definition darüber, was als ‚angemessene Vergütung‘ gilt. Und auch, warum es in Einzelfällen weder sittenwidrig noch unmoralisch ist, auf eine Vergütung gänzlich zu verzichten.

Teil 3: Die Vergütung

Zu den häufig diskutiertesten Themen fällt der Gegenwert für eine Arbeit, egal ob sie nun unter den Bereich der Dienstleistung oder der Erschaffung eines Werkes fällt. Wie in jedem anderen Berufszweig gibt es auch im Bereich der Verfasser bellestrischer Literatur massive Unterschiede hinsichtlich der Entlohnung. Ken Follett bekam für seinen Roman „Der Sturz der Titanen“ 30 Millionen Dollar (!) Vorschuss (!!). Das ist eine Summe, von der 99,9~ % aller Autoren nur träumen können. Jeder Normaldenkende weiß auch, dass dieser Vorschuss nur gewährt wurde, weil der Verlag berechtigterweise davon ausging, weit mehr als 30 Millionen Dollar mit dem Verkauf des Romans zu erwirtschaften.

Aber es ist eine Frage, die in jedem Literaturforum diskutiert wird:

Was sind meine Texte finanziell wert?

Die angemessene Vergütung

Als Herausgeber habe ich unter allen eingegangenen Einsendungen schließlich eine Wahl getroffen, welche ich gerne in meiner nächsten Anthologie unterbringen würde. Zuvor habe ich im Ausschreibungstext einige Teilnahme- und Veröffentlichungsbedingungen aufgeführt, die ich schließlich in einem Anthologie-Vertrag mit jedem Autor für seinen Beitrag festhalte.

Hinsichtlich der Vergütung für die Nutzung der  Geschichten lest ihr in den Ausschreibungstexten das Folgende:

  • „Jeder Autor erhält ein kostenloses Belegexemplar der Anthologie. Damit sind alle Honorarforderungen seitens der Autoren abgegolten.“

Ich biete euch also etwas weniger an, als Ken Follett für „Der Sturz der Titanen“ bekommen hat 😀 .

Spaß beiseite: Jetzt stellt ihr euch – sowie meine Wenigkeit im Vorfeld – vermutlich die Frage, ob diese Form und Höhe der Vergütung rechtmäßig ist und ich sie dementsprechend in einem Vertrag zur Anwendung bringen darf.

Ein Blick ins höchste der deutschen Gesetze – dem Grundgesetz – scheint mir das zu erlauben.

  • Per Definition als Ausfluss der allgemeinen Handlungsfreiheit durch Art. 2 Abs. 1 GG geschützte Vertragsfreiheit ist die Ausprägung des Grundsatzes der Privatautonomie im deutschen Zivilrecht, die es jedermann gestattet, Verträge zu schließen, die sowohl hinsichtlich des Vertragspartners als auch des Vertragsgegenstandes frei bestimmt werden können, sofern sie nicht gegen zwingende Vorschriften des geltenden Rechts, gesetzliche Verbote oder die guten Sitten verstoßen.

Okay, ich habe Vertragsfreiheit und darf damit – theoretisch – alles in den Vertrag schreiben, was ich will, sofern ich nicht gegen andere Gesetze, gesetzliche Verbote oder die guten Sitten verstoße.

Schauen wir also mal andere Gesetze an:

  • Die gesetzliche Grundlage für Autoren ist das UrhG (Urheberrechtgesetz). Gemäß 1 des UrhG (Urheberrechtsgesetz) genießen die Urheber von Werken der Literatur, Wissenschaft und Kunst für ihre Werke nach Maßgabe dieses Gesetzes. Die aktuelle Fassung der UrhG steht unter folgendem (externen) Link zur Verfügung: https://dejure.org/gesetze/UrhG

Als Herausgeber ist es mir daher unumgänglich, zu prüfen, ob meine Vertragsklausel hinsichtlich der Vergütung den Bestimmungen des UrhG nicht zuwider läuft.

  • Hinsichtlich der Vergütung können wir in § 11 folgendes in Erfahrung bringen: „(1) Das Urheberrecht schützt den Urheber in seinen geistigen und persönlichen Beziehungen zum Werk und in der Nutzung des Werkes. (2) Es dient zugleich der Sicherung einer angemessenen Vergütung für die Nutzung des Werkes.“

Amtsdeutsch ist etwas herrliches, oder 😉 ? ‚Angemessen‘ muss die Vergütung also ausfallen. Ja, was zum Teufel bedeutet das denn? Ist mein Belegexemplar als ausschließliche Entlohnung nun ‚angemessen‘ genug oder nicht? Blättern wir mal weiter. Ah, ein weiterer Paragraf über Vergütung.

  • § 32, Absatz 1: (1) Der Urheber hat für die Einräumung von Nutzungsrechten und die Erlaubnis zur Werknutzung Anspruch auf die vertraglich vereinbarte Vergütung. Ist die Höhe der Vergütung nicht bestimmt, gilt die angemessene Vergütung als vereinbart. (2) Soweit die vereinbarte Vergütung nicht angemessen ist, kann der Urheber von seinem Vertragspartner die Einwilligung in die Änderung des Vertrages verlangen, durch die dem Urheber die angemessene Vergütung gewährt wird.

Schon wieder dieses schwammige ‚angemessen‘. Na toll. Warum steht denn nichts Genaues im Gesetz? Naja, weitersuchen:

  • § 32, Absatz 2: Eine nach einer gemeinsamen Vergütungsregel (§ 36) ermittelte Vergütung ist angemessen. (…)

Endlich! In § 36 UrhG scheint also festgehalten, was angemessen ist. Schnell weiterblättern.

  • § 36, Absatz 1: Zur Bestimmung der Angemessenheit von Vergütungen nach § 32 stellen Vereinigungen von Urhebern mit Vereinigungen von Werknutzern oder einzelnen Werknutzern gemeinsame Vergütungsregeln auf.

Intermezzo: Nach diesem Paragraf fragt sich der Herausgeber gerade, warum er seit mehreren Stunden Gesetzestexte studiert, anstatt „Der Sturz der Titanen“ zu goutieren, der ihm sicher mehr Freude bereiten würde (Hey, das Buch ist ja immerhin 30 Millionen Dollar wert).

Okay, die „Vereinigung von Urhebern“ haben mit der „Vereinigung von Werknutzern“ also Spielregeln hinsichtlich der Vergütung aufzustellen. Stellt sich nur die Frage, wer eigentlich diese Vereinigungen sind. Der Börsenverein des Buchhandels hat es abgelehnt, solche Verhandlungen zu führen, aber neun (große!) Verlage haben „Gemeinsame Vergütungsregeln“ mit dem VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller) vereinbart. Diese gelten seit dem 01.07.2005. Somit spricht man von „branchenüblichen“ Konditionen und Bedingungen. Ein Vertrag, der geschlossen wurde, ist erst einmal gültig. Sollte es jedoch zwischen den Vertragsparteien, zu einem Rechtsstreit kommen, werden sich Richter und Anwälte eben den Vertrag im Hinblick auf diese branchenübliche Vereinbarung anschauen. Diese Vereinbarung findet ihr hier:  https://vs.verdi.de/++file++519f41526f68445ebf0001f6/download/Vertrag_Belletristik.pdf

Na endlich, schauen wir mal rein. Meine Anthologien erscheinen als Taschenbuch, demzufolge müsste ja eigentlich der § 4 dieser Vereinbarung Aufschluss geben:

  • (1) Bei vom Verlag selbst veranstalteten Taschenbuchausgaben sind in der Regel folgende Beteiligungen am Nettoladenverkaufspreis angemessen:
    1. bis 20.000 Exemplare 5 %,
    2. ab 20.000 Exemplaren 6 %,
    3. ab 40.000 Exemplaren 7 %,
    4. ab 100.000 Exemplaren 8 %

Jetzt kratze ich mich am Kopf. Also von 0 bis 20.000 verkauften Exemplaren müsste ich über alle Autoren also 5 % vom Verkaufspreis der Anthologie je verkauftem Exemplar ausschütten. Bis 20.000 Exemplare! Erwartungsgemäß gehen vielleicht 100 bis 300 Exemplare einer jeden Anthologie über die Tresen. Ausgehend von einem Verkaufspreis von etwa 12 € (der letztendliche Verkaufspreis je Anthologie wird nach Umfang gestaltet), 5 % über 12 – 18 beteiligte Autoren ausschütten – rechnet es euch aus: Das sind ja bestenfalls ein paar Euro!

Aber wartet, da steht ja noch was, gleich ganz vorne.

  • § 1 Anwendungsbereich
    Die nachfolgenden Vergütungsregeln gelten für Verlagsverträge und andere urheberrechtliche Nutzungsverträge über selbständig zu veröffentlichende belletristische Werke. Sie finden keine Anwendung auf Verlagsverträge aus anderen Bereichen, insbesondere nicht aus den Bereichen Sachbuch, Ratgeber, Lexika, Fachbuch, Kinder- und Jugendbuch, Schul- und Lehrbuch sowie Hörbuch, weil in diesen Bereichen andere Bedingungen gelten. Diese Regeln gelten auch nicht für Fälle, in denen der Wunsch des Urhebers, einen Text gedruckt zu sehen, und nicht ein verlegerisches Interesse im Vordergrund stehen und der Urheber deshalb kein Honorar erwartet und billigerweise auch nicht erwarten kann (Memoiren, private Familiengeschichten, Manuskripte unbekannter Autoren, an denen kaum Interesse der literarischen Öffentlichkeit zu erwarten ist und für die sich zu den allgemein üblichen Konditionen kein Verleger finden lässt)

So, und damit sind wir wieder am Anfang. Nach dieser Definition fallen meine Anthologien nicht in den Anwendungsbereich.

Zurück zu § 36 UrhG. Gibt es nicht irgendeinen Satz, der mir zusichert, dass meine veranschlagte Vergütung ‚angemessen‘ ist? Doch, natürlich:

  • § 36, Absatz 1, S2: Die gemeinsamen Vergütungsregeln sollen die Umstände des jeweiligen Regelungsbereichs berücksichtigen, insbesondere die Struktur und Größe der Verwerter

In Bezug auf die Struktur und die Größe des Verwerters (ich) und des zu erwartenden Verkauferfolgs, ist meine gebotene Vergütung eines kostenfreien Belegexemplars also weder sittenwidrig, noch unmoralisch oder verstößt gegen geltendes Gesetz.

Ob sie euch jedoch genügt – das entscheidet ihr, indem ihr letztendlich den Vertrag annehmt und unterschreibt – oder eben bleiben lasst.

Gänzlich ohne Vergütung – weder sittenwidrig noch unmoralisch 

Bislang habt ihr hier nur über Vergütung gelesen, also einen materiellen Gegenwert für die Nutzung und Verwertung eurer Texte. Wie sieht es aber aus, wenn es gar keine (!) Vergütung gibt. Ist das nicht sittenwidrig? Oder unmoralisch?

Nein, absolut nicht. Es steht jedem Menschen frei, eine Arbeit unentgeltlich zu verrichten oder sein Werk kostenlos zur Verfügung zu stellen. Millionen Deutsche engagieren sich täglich ehrenamtlich in Vereinen und Institutionen. Egal ob es nun das Gassi-Gehen mit den Hunden im Tierheim, die Speisung von Obdachlosen oder dem Würstchengrillen beim Dorffest ist. Im Bereich der Literatur ist das nicht anders. Hunderte von Fanzines, Literaturzeitschriften und Onlinemagazine – sie alle existieren, weil sich viele Künstler dafür entscheiden, kostenfrei ihre Werke (oder Texte jeder Art) zur Verfügung zu stellen.

Sie machen es, weil ihnen eher daran gelegen ist, eine Sache zu unterstützen – sie erhalten also einen idealistischen Gegenwert.

Nachtrag: Neben idealistischen Gesichtspunkten gibt es natürlich weitere Gründe, warum sich ein Autor bisweilen dafür entscheidet, einen Text zur  kostenlosen Nutzung zur Verfügung zu stellen:

  • Der Autor möchte schlicht seine Texte mit anderen teilen. Es ist ihm oder ihr wichtig, gelesen zu werden.
  • Der Autor möchte Erfahrungen im Bereich der Manuskriptbearbeitung sammeln – sei es, um sich selbst weiterzuentwickeln, oder um herauszufinden, wie die Arbeit an einem Manuskript abläuft.
  • Den sprichwörtlichen Fuß in die Tür setzen. Nehmen wir an, der Autor hat einen Roman geschrieben, den er über einen Verlag veröffentlichen will. Durch die Teilnahme an Anthologien bei diversen Verlagen hinterlässt er einen ‚ersten Eindruck‘. Es ist keine Garantie, aber wenn ein Verlag bei der Zusammenarbeit an einer Anthologie gute Erfahrungen mit einem Autor gemacht hat, ist zumindest das Interesse bei einer Roman-Einreichung höher.
  • Der Autor betrachtet einen Beitrag zu einer Anthologie oder auf einer Webseite als Werbung. Diesbezüglich besteht die Hoffnung, dass er somit eine Leserschaft erreicht, die bislang keine Notiz von ihm genommen hat, durch einen Beitrag an dieser Stelle aber Interesse für seine anderen Werke hervorruft.

Meine persönliche Motivation 

Aus wirtschaftlichem Sinne ist die Erstellung einer Anthologie für mich eigentlich Blödsinn. Ich arbeite viele Stunden unentgeltlich daran und der zu erwartende Erlös würde meine Ausgaben (bspw. für das Cover) nicht immer decken. Würden meine Team-Mitstreiter, die dankenswerterweise freiwillig für meine Projekte tätig werden, so etwas wie eine (branchenübliche) Bezahlung fordern, könnte ich es auch nicht stemmen.

Warum mache ich also das Ganze:

  • Ich möchte eine tolle Sammlung an Kurzgeschichten oder Erzählungen auf den Markt bringen. Eine Sammlung, die den Leser begeistert.
  • Natürlich möchte ich meine eigenen Geschichten auch veröffentlicht sehen – daher findet ihr in jeder meinen Anthologien auch einen Beitrag von mir, sofern ich dafür einen verfassen möchte ( Herausgeber-Vorteil 😀 )
  • Gleichsfalls ist es mir ein Interesse, Autoren, die mich begeistern, eine (weitere) Veröffentlichung zu ermöglichen.
  • Ich arbeite gerne mit anderen Autoren zusammen. Und ich lerne von ihnen.
  • Ich möchte die Hilfe, die mir durch andere zuteil wurde, in gewisser Weise ‚zurückzahlen‘.

Natürlich könnte ich meine eigenen Kosten geringer halten, indem ich den Autoren meiner Anthologien einfach gar nichts zahle. Wenn sich der Autor darauf einlässt, ist es legitim. Aber mir ist es wichtig, mit der Herausgabe meiner Anthologien verlegerische Grundsätze einzuhalten. Teilnahme, Bearbeitung und Veröffentlichung sind somit für die Autoren absolut kostenlos. Darüberhinaus verdient ein Autor in meinen Augen für die Überlassung von Nutzungsrechten seines Textes einen Gegenwert – auch wenn er im Falle meiner Anthologien eher symbolischen Charakter hat. Von diesem kostenfreien Belegexemplar und einem gewährten Rabatt, wenn weitere Exemplare bestellt werden möchten, haben die Autoren und mein Team jedenfalls entschieden mehr, als von ein paar Euro Verkaufsbeteiligung.

Dennoch fließt seitens meines Vertriebspartners (Verlag, etwa der Mystic Verlag, oder einem Dienstleister, etwa BoD) natürlich pro verkauftem Exemplar eine Marge an mich. Ich könnte sie nun nutzen, um meine im Vorfeld getätigten Aufwendungen zu decken (Cover etc.) und als Bezahlung für meine Tätigkeit zu sehen. Ich habe mich jedoch dafür entschieden, den kompletten Gewinn einer Anthologie einer gemeinnützigen Organisation als Spende zukommen zu lassen.

Der Autor entscheidet 

In jeder Diskussion zum Thema Vergütung bringt irgendjemand einen Satz wie „Es zwingt dich niemand, bei einer Anthologie einzureichen“ oder „Du entscheidest, ob du deine Texte dafür hergeben möchtest“. Wenn ich an einer solchen Diskussion teilnehme, kommt er wahrscheinlich von mir 😉 .

Aber das ist eben auch der Punkt. Wir können weiterhin darüber diskutieren, wie fair Entlohnung ist. Es ist auch garantiert nicht verkehrt, der ver.di mit einer Mitgliedschaft den Rücken zu stärken, denn nur so können sie  bessere Konditionen zugunsten von Autoren aushandeln. Aber letzten Endes entscheidet ihr aus freien Stücken darüber, ob euch ein gebotener Gegenwert für die Nutzung eurer Texte – sei er nun materiell, idealistisch oder aus Werbezwecken – genügt, oder eben nicht.

Um auf meine Anthologieprojekte zurückzukommen: Wenn ihr dabei sein wollt, dann müsst ihr meinen Bedingungen – Teilnahme, Veröffentlichung, Rechteeinräumung und Entlohnung – zustimmen. Oder es eben bleiben lassen.

Es ist eure (!) Entscheidung.

 

Externe, empfohlene Links zum Thema:

https://www.autorenwelt.de/blog/grundwissen-honorare-teil-1

http://www.urheberrecht.de

http://dejure.org/gesetze/UrhG

https://vs.verdi.de/++file++519f41526f68445ebf0001f6/download/Vertrag_Belletristik.pdf

 

F.A.Q. – Herausgeber und Anthologien (3): Die Vergütung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.